23. Dezember 2012 · Kommentare deaktiviert für Lieber Klaus Wenzel, herzlichen Dank für deine deutliche Stellungnahme … · Kategorien: Standpunkte · Tags: , , , , ,

gsf – Kurz vor Beginn der Weihnachtsferien hat Klaus Wenzel, Vorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV e.V.), eine Stellungnahme verfasst. Das Thema lautete:

Bayerns Schulsystem ist ungerecht und ausgrenzend – das befördert politische Radikalismen

Die GEW Ansbach hat diese Pressemitteilung und die schroffe, ja fast panikartige Entgegnung des Bay. Kultusministeriums bereits auf ihrer Webseite veröffentlicht. Auch wenn es sich um "bayerische Vorgänge" handelt, empfehlen wir unseren "bundesweiten" LeserInnen die Lektüre von Klaus Wenzels Stellungnahme und der "Antwort" des Ministeriums. Die Thematik ist von bundesweiter Bedeutung. Hier ist der Link zur Seite der GEW Ansbach, auf der Klaus Wenzels Erklärung nachzulesen ist und die Antwort des Bayerischen Kultusministeriums aufgerufen werden kann:

http://www.gew-ansbach.de/2012/12/du-musst-draussen-bleiben/

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Hans Grillenberger von der Redaktion AUSWEGE hat Klaus Wenzel nun einen offenen Brief zu dem ganzen Vorgang  geschrieben:

 

Lieber Klaus Wenzel,

herzlichen Dank für deine deutliche öffentliche Stellungnahme zum Thema "Selektion im Schulsystem und Radikalisierung der Gesellschaft".

Zunächst war zu erwarten, dass von Ministeriumsseite dein aufgezeigter Zusammenhang ganz entrüstest  als unsinnig und Entgleisung zurückgewiesen wird. Was allerdings "die Frösch zum Weiher naushaut", ist die GEMEINSAM formulierte Empörung von RS-Lehrerverband, Philologen, kath. Erziehern etc. (Der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Lehrerverbände (abl) gehören der Bayerische Philologenverband (bpv), der Bayerische Realschullehrerverband (BRLV), die Katholische Erziehergemeinschaft in Bayern (KEG) und der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern (VLB) an. Anm. d. Red.)

Ich teile voll und ganz deine Meinung und möchte dich ermutigen, im entfachten Streit nicht still zu halten..

Ich kenne nicht die Quoten an Neonazis in Bayern und sonstwo, auf die das Kultusministerium hinweist und die bayerischen Verhältnisse als Gott-sei-Dank-harmlos lobt. Darum geht es aber nicht. Ehe sich Einstellungen, Weltbilder politisch strukturieren, beginnt ja schon sehr weit vorher eine gefährliche Spaltung der Gesellschaft mit ihren Rassismen. Wir sollten uns alle mal unter Schülern aus den verschiedenen Schultypen umhören, welches Ausmaß an Neid, Belächeln, Minderwertigkeitsgefühlen, Arroganz aufgrund der Selektierung anzutreffen ist.

Ob Haupt-/Mittelschüler die aufgestiegenen Freunde in RS und Gym als "was Besseres" oder als "Besserwisser" beneiden und oft abschreiben, die Schüler am Gymnasium Haupt/-Mittelschüler als die armen Zurückgebliebenen belächeln oder nur bemitleiden oder Realschüler sich als Gott-sei-Dank-von-der-Hauptschule-Davongekommene sehen, hier beginnen Weltbilder sich zu formen, in denen Achtung, Wertschätzung und Solidarität verloren gehen. Eltern mit all ihren Ängsten, ihrem Statusdenken und Versagensängsten verstärken diese von den Strukturen des Systems produzierte Entfremdung der Menschen voneinander.

Diese Erfahrung der Kinder und Jugendlichen, dass sie sich fremd werden, schafft genau das Klima, vor dem du warnst. Wenn sich dann Einstellungen politisch strukturieren entweder als Rechtsradikalismus oder als sogenannter Liberalismus ("Eure Armut kotzt uns an"), ist vorher schon so viel Mitmenschlichkeit verhärtet und erstickt. Ich fürchte, diesen schleichenden Spaltungsprozess der Gesellschaft können Spaenle u.a. nicht wahrnehmen. Sie haben sich in ihrer Wagenburg mit politischen Ideologien ebenso eingebunkert wie diejenigen, die offen ihre Gewaltphantasien zur Schau tragen.

Ich wünsche dir viel Gelassenheit und Herzenskraft im Umgang mit all den Menschen, die von den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen entkoppelt sind.

Schöne Feiertage

Hans Grillenberger
Stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Ansbach der GEW
Redakteur beim Online-Magazin "AUSWEGE – Perspektiven für den Erziehungsalltag"

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Auch Heinz Kreiselmeyer schickte uns seine Stellungnahme zu …

 

Warum diese Aufregung? Da geht endlich einmal der BLLV-Präsident mutig voran, um den Dingen auf den Grund zu gehen und schon sieht er sich von Seiten des Kultusministeriums und anderer Lehrerverbände massiven Attacken ausgesetzt. Wie erbärmlich!

… und folgenden Leserbrief schrieb er an die Süddeutsche Zeitung:

Es könnte bald zu spät sein
Das Kultusministerium spricht von einer „einzigartigen politischen Entgleisung“. Worin aber liegt diese „einzigartige Entgleisung“? Ist diese nicht dem Kultusministerium und den Lehrerorganisationen zuzuordnen, die sich außerstande sehen, sich auf diesen notwendigen Diskurs endlich einzulassen? Es wird höchste Zeit, dass wir angesichts der zunehmenden Radikalisierung in unserer Gesellschaft diese Diskussion ernsthaft führen. Es könnte sonst bald zu spät sein.

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