22. Dezember 2018 · Kommentare deaktiviert für Mein Lieblingsbuch … · Kategorien: Lesezeichen

Wir haben eine ganze Reihe von AutorInnen, LeserInnen und KollegInnen gebeten, uns ein Buch zu nennen, das einen bleibenden Eindruck bei ihnen hinterlassen hat. Die Liste wird in den kommenden Tagen noch ergänzt.

Es musste keine Neuerscheinung, kein prämiertes Buch und auch kein Bestseller sein. Es sollte ein Buch sein, dessen Lektüre für das Jahr 2019 eine Empfehlung wert ist. Einige der AutorInnen haben gleich zwei Bücher genannt, weil sie sich nicht für eines entscheiden konnten.

Die Liste endet am 1.1.2019. Verlinkte AutorInnen haben Aufsätze für AUSWEGE verfasst. Mit einem Klick auf den Link kommt man zu ihren Texten.

Und nun danken wir allen VerfasserInnen und wünschen viel Freude beim Stöbern.

Eure Redaktion


Christina Bach
Lehrerin am Gymnasium

Mein Tipp zu Weihnachten: Martin Dreyer (Hrsg.): Neues Testament 4.0. Volxbibel-Verlag 2013, 6,50 – 9,90 € je nach Cover

Die Volxbibel wurde per Wiki über das Internet entwickelt und mehrfach überarbeitet. In einer sehr direkten, alltäglichen Sprache kommt diese Übersetzung der christlichen Botschaft in ihrer Radikalität sehr nahe. Mich berühren diese lebendigen Texte stark, die Sprache passt auch gut zu dem Milieu, in dem Jesus verkehrte. Wirkt authentisch, außerdem flüssig zu lesen.
Als Taschenbuch im volxbibel-verlag erhältlich mit verschiedenen Covern. 2013 erschien die aktuelle Version 4.0, herausgegeben von Martin Dreyer, der das Projekt auch anstieß. Nebenstehend das Cover im Motiv Splash.

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Frank Bernhardt

Empfehlung meinerseits zu den Festtagen, die oft genug – gerade wegen der besonderen Anspruchs eines guten bis perfekten Gelingens – genau ins Gegenteil umschlagen. Laut einer Studie in Schweden (aus dem British Medical Journal in www.mdr.de v. 21.12.18) stiegen die Herzinfarktraten um annähernd 20 % an den Weihnachtstagen. Also, aufgepasst! Wer mehr über die Erhöhung oder gar die Verdoppelung eines Schadens in der Arbeitswelt und der Privatsphäre erfahren will, dem sei das im September 2018 erschienene Buch des Rehabilitationswissenschaftlers und Diplompsychologen

Suitbert Cechura, Unsere Gesellschaft mach krank: Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit, erschienen bei Tectum 2018, auch als E-Book zu kaufen zum Preis von € 21,95

empfohlen. In Lehrer_innenkreisen ja nicht unbekannt, das Burnout-Syndrom. Der Arbeitsdruck (Mehrarbeit etc.), so Cechura, steht nicht nur für „körperlichen Überforderung, sondern auch [für] den Prozess, dass Menschen in ihrer Arbeit einen Sinn sehen wollen, der nicht unbedingt mit dem zusammenfällt, was die Aufgabe im Betriebs- oder Behördenablauf beinhaltet.“ So stellt sich ein dauerhaftes Grübeln über Kolleg_innen und/oder Vorgesetzte ein, die am eigenen Ideal gemessen, sich `einen schönen Lenz´ machen und die eigene Arbeit nicht würdigen. Dieser Ärger lässt den Menschen auch in der arbeitsfreien Zeit `keine Ruh´. „Auch das belastet nicht nur die Psyche, sondern den gesamten Körper.“

Die Literatur über Ratschläge zur Gesunderhaltung ist ja in schwindelnde Höhen aufgestiegen, doch Cechura beweist, dass der Schluss absurd ist, ein gesunder Lebensstil verhindere solche Fehlentwicklungen. In fast allen Arbeitsfeldern ist der abhängig Beschäftigte mit einer „Marktwirtschaft“ konfrontiert, die das Einkommen der Arbeitskraft als Kost behandelt, die es zu reduzieren gilt, um im nationalen wie internationalen Konkurrenzkampf zu bestehen. Cechura deckt ohne `Wenn und Aber´ die Funktionsweise des Gesundheitswesens auf, zeigt was die Gründe für seine ständige Reformierung sind. Und verweist auf eine Gesellschaft, die dauerhaft für die Zunahme von Krankheiten – trotz einer sich rasant weiter entwickelten Medizinwissenschaft – sorgt.

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Götz Eisenberg

Hier sind meine beiden Empfehlungen. Ich möchte zwei Bücher empfehlen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe und die sich aus verschiedenen Richtungen dem gleichen Thema nähern: dem digitalen Kapitalismus.

Das eine ist ein ungewöhnlicher Roman des Amerikaners
Jarett Kobek, der „Ich hasse dieses internet. Ein nützlicher Roman“ heißt und 2016 bei S.Fischer (12 €) erschienen ist.

Kobeks Buch ist ein wütender Reiseführer durch das Silicon Valley und das, was die von dort aus operierenden gigantischen Konzerne aus und mit den Menschen machen. „Das einzige Ziel war es, dass die Leute möglichst viel Schwachsinn in ihre Computer und Handys tippten. Je höher der Grad der Vernetzung, desto höher der Profit. Das war Feudalismus im Dienst von Marken, und er basierte darauf, die Menschen zu einem möglichst scheußlichen Verhalten zu verführen.“ Kobek fragt sich und uns: „Wie kann man vernünftig mit Leuten reden, die ihre Gespräche über Menschenwürde auf Geräten führen, die in China von Slaven zusammengebaut werden?“

Das zweite Buch ist ein Sachbuch, stammt von
Timo Daum und ist 2017 als Nautilus Flugschrift erschienen. Sein Titel ist etwas irreführend: „Das Kapital sind wir: Zur Kritik der digitalen Ökonomie. (18 €)

Damit ist nicht gemeint, dass wir alle an allem Schuld sind, sondern dass wir alle zu Datenlieferanten werden und durch unser Verweilen auf den Geräten das digitale Kapital reproduzieren. Daum beschreibt, wie aus dem Zerfall des Fordismus eine neue Stufe der kapitalistischen Entwicklung entsteht und wie diese funktioniert. „Der digitale Kapitalismus beutet immer weniger lebendige Arbeit direkt aus. Stattdessen halten wir, die User, ihn mit unserer Aktivität auf den digitalen Plattformen am Leben.“ Ein gut geschriebenes, im besten Sinne aufklärerisches Buch über unsere nahe Zukunft. Noch ist es nicht zu spät, noch können wir eingreifen!

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Joscha Falck
Redaktion Auswege

Beat Döbeli Honegger: Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt. hep verlag 2017, 24 €

Die Digitalisierung der Bildung ist ein Mega-Thema und schwappt mit staatlicher Förderung und viel Wirbel über Deutschlands Schulen. Dabei ist der Status Quo überaus unterschiedlich – ähnlich wie die Diskussion höchst heterogen geführt wird.

Unaufgeregt und angenehm sachlich informiert Honegger in seinem Buch „Mehr als 0 und 1“ über alles, was es zur Digitalisierung der Schule derzeit zu wissen gibt. Wer mitreden will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Für Skeptiker und Enthusiasten gleichermaßen zu empfehlen.

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Gabriele Frydrych

Tschingis Aitmatov: Der erste Lehrer. Kunstmann-Verlag 199031 9,90 €

Das kleine Buch hat nur 94 Seiten und kann daher auch lesefaulen Schülern ab Klasse 9 „aufgedrückt“ werden. Ich stelle es hier aber nicht als gut geeignete Schullektüre vor, sondern als ein Buch, das mir über Jahrzehnte hinweg eindrucksvoll in Erinnerung geblieben ist. Eigentlich wie alle Bücher des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatov (1928 bis 2008), der auf Russisch schrieb – laut Amazon einer der meistgelesenen Autoren der Welt. 

Düischen kommt 1924 in seinem alten Soldatenmantel in ein kirgisisches Dorf. Er soll die Schulpflicht durchsetzen und die Sowjetmacht vertreten. Die Dorfbewohner begegnen ihm mit Skepsis und Misstrauen. Niemand unterstützt ihn. Die Dorfbewohner brauchen ihre Kinder als Arbeitskräfte. Düischen muss sich seinen Behelfsbau selber errichten. Er muss die Kinder einzeln, gegen den Willen der Eltern, abholen und über einen eisigen Bach in die Schule tragen. Mit naivem Idealismus unterrichtet er die Kinder, so gut er es vermag. Er hat keine Ausbildung, außer dass er selber gerade mal Lesen und Schreiben gelernt hat. Die Geschichte wird aus Altynais Sicht erzählt, einem 14jährigen Waisenmädchen aus dem Dorf. Der Lehrer Düischen versteht es, ihr eine neue Welt zu eröffnen und ihr Talent zu wecken. Leider kann er sie zunächst nicht vor den grausamen Traditionen der dörflichen Welt bewahren. In dieser kurzen, schlichten Novelle wird eine anrührende Liebesgeschichte erzählt, der Bruch zwischen einengenden Traditionen und dem Fortschritt dargestellt und es wird mehr als deutlich, dass die Persönlichkeit eines Lehrers entscheidender ist als alle Lernbuffets, Lerninseln und Tablets.

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Rudolf Gospodarek

Die “Marktwirtschaft” (alias Kapitalismus) verfügt über ein Beiwort, wodurch alle Widersprüchlichkeiten und Widerwärtigkeiten dieser Wirtschaftsweise so gut wie durchgestrichen sein sollen. “Sozial” steht für das angeheftete Gütesiegel, und der öffentliche Sachverstand wird nicht müde zu berichten, dass ja immerhin für die Ausgemusterten aus dem Produktionsprozess im Staatshaushalt unter dem Titel „Soziales“ an die 20 Milliarden allein für ALG II 2018 ausgegeben wurden. Dem Sozialstaat mit seinen weiteren Abteilungen soll das zur Ehre gereichen. Ob das stimmt? Dem gehen – dies mein Buchtipp – die Verfasser_innen

Renate Dillmann / Arian Schiffer-Nasserie: Der soziale Staat Über nützliche Armut und ihre Verwaltung Ökonomische Grundlagen | Politische Maßnahmen | Historische Etappen. VSA , November 2018, 19,80 €

mit scharfsinnigem Blick nach. Selbiger sei eine „Herzensangelegenheit“ der Sozialdemokatie (A. Nahles www.spd.de v. 23.11.18), klingt fast so als sei die Wohlfahrt aller Menschen der Zweck und nicht rentabel wirtschaftende Betriebe, die diesen und dem Staatssäckel Milliardeneinnahmen bescheren. Regierungsamtliche Erhebungen legen Zeugnis darüber ab, welche Zustände polit-ökonomisch hergestellt worden sind mit den verschiedenen Formen der Armut von Kindern, Alten und selbst von den Millionen von Arbeitenden, die von dem Lohn nicht leben können. Die Verfasser_innen nehmen dagegen Maß an der „ungeheuren Warensammlung“ (Marx) als Indiz des immensen Reichtums, der gesellschaftlich seit Jahrzehnten produziert wird, dessen Aneignung jedoch – zum Schaden der Produzent_innen – privat erfolgt. Sie erklären das Leben unter sozialstaatlicher Kuratel von der Geburt bis zum Tod. Der Geschichte des Sozialstaats mit seiner Armenbetreuung in Preußen über Kaiser Wilhelm, dem 1. Weltkrieg, der Weimar Republik, dem Faschismus, der Restauration des Kapitalismus, der Agenda 2010 und des “Sozialstaatsidealismus“ der DDR, gehen sie systematisch nach. Sie denken über ihn nach und nicht für ihn. Und kommen zu dem vernichtendem Urteil: Sozialpolitik in Deutschland ist ein Armutszeugnis über die materielle Lage der Lohnabhängigen!

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Hans Grillenberger
Redaktion Auswege 

Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe. avant-Verlag 2018, 20 €

Du siehst das Buch im Geschäft liegen, blätterst hinein und denkst: Bildergeschichten. Nein, ein Comic. Ah, eine Graphic-Novel. Genau, so heißt dieses Genre, das seit einiger Zeit das Leseuniversum bereichert. “Der Ursprung der Liebe” ist solche eine Grahic-Novel. Gezeichnet und geschrieben hat es Liv Strömquist, eine schwedische Politikwissenschaflerin, Comicautorin und Feministin.

Ich halte das Buch für ein wirkliche Bereicherung, in der die Autorin das Ganze an Tragik/Komik/Irrsinn/Wunder (Nicht Zutreffendes entsprechend eigenem Erleben streichen) von Liebe erforscht. Es geht also um Beziehung, Liebe, Lust und – wesentlich für die Herangehensweise der Autorin – um die meist verborgenen politischen Abgründe darin. Mit den Worten von Liv Strömquist: um “Macht”, “Liebeskraft” und “politische Interessen”.

In den Kapiteln treten unter anderem auf: Lady Di, die Viererbande, Nancy Reagan, Whitney H. und ein Lover, Victoria Benedictsson, Britney S., Vertreter des weltweit agierenden Stand-up-Comedy-Clubs, Prince Charles.

Liv Strömquist stellt Fragen wie: Was meint der Begriff “Liebe”? Woher kommt dieses Gefühl? Warum wollen Frauen überhaupt mit Männern zusammen sein, die so eine emotionale Distanz wahren? Warum findet man keinen Ausweg?

… und versucht sie zu beantworten.

Das Buch ist ein einziges Lese- und Anschauerlebnis: erheiternd, tiefschürfend, komisch, erhellend. Zum Aufwachen für Männer und Frauen.

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Ruth Heß

Erika Fatland; Sowjetistan. Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Suhrkamp Verlag 2017, 16,95 €

In der beeindruckenden, zum Teil skurrilen Reisereportage, werden alle fünf Länder mit ihren für uns Europäern ungewöhnlichen Lebensweisen vorgestellt.
Eine Reisebeschreibung, die uns einen Einblick in “Reiseländer” gewährt, die Jenseits des Mainstreams liegen. Das Buch macht Lust, sich Richtung Osten auf Entdeckungstour zu begeben.
Besonders lesenswert ist dieser Reisebericht für mich gewesen, da diese Länder, so nah sie auch geographisch von uns liegen, doch so weit entfernt in der Betrachtung und im Umgang mit gesellschaftlichen Begebenheiten sind. Wie unterschiedlich doch ein Alltag ein paar Tausend Kilometer entfernt aussehen kann!
Ein Abtauchen in eine völlig andere Kultur, lesenswert, gerade nach einer so traditionellen und ritualisierten Zeit um Weihnachten herum.

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Christiane Hofbauer

Ich habe zwei Bücher ausgesucht:

Lesetipp 1)
Nadine Kegele: Lieben muss man unfrisiert: Protokolle nach Tonband. Kremayr & Scheriau 2017, 22,90 €

Nadine Kegele hat – beeinflusst von Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“ – Frauen und Transgender-Personen zu ihrem Leben befragt. Dabei sind 18 spannende Protokolle entstanden, die sehr eLesetipp 1) hrlich und offen über ihre Lebenssituation, verschiedenste Erfahrungen und und vor allem die Rollenbilder, die ihr Leben beherrschen, berichten. Die Protokolle stammen von vielen unterschiedlichen Personen, darunter z.B. zwei 16- bzw. 17jährige Schülerinnen mit Migrationshintergrund, eine körperbehinderte Tänzerin und einer Transgender-Person, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen möchte.

Die Protokolle sind sehr kurzweilig und spannend zu lesen. Sie spiegeln recht unterschiedliche Personen mit verschiedensten Lebensentwürfen wieder und damit einen spannenden Einblick nicht nur in das Leben der Betroffenen, sondern auch in unsere Gesellschaft.

Lesetipp 2)
Labor Ateliergemeinschaft: Ich so Du so. Alles super normal. Belz & Gelberg 2017, 16,95 €

Bei Ich so Du so handelt es sich um ein Kinder-bzw. Jugendbuch (ab 9 Jahre), das sich mit dem Thema Vielfalt, Anderssein und Zuschreibungen auseinandersetzt. Dazu gibt es im Buch Interviews, Biografisches, Sachtexte, Fotos, Karikaturen, Comics, und vieles andere.

Eines der schönsten Bücher zum Thema Vielfalt und Vorurteilsbewusstheit. Da wird vieles allein durch ein Bild oder einen sehr knappen Text deutlich, und das zudem sehr unterhaltsam. Ab 9 Jahre als Altersangabe bedeutet hier: Es gibt kaum etwas im Buch, das erwachsene Personen nicht ebenso ansprechen kann wie Kinder oder Jugendliche – also für alle ab 9 perfekt geeignet.

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Imago

Mein Buchtipp zu Weihnachten: Hans Bemmann: Stein & Flöte. Piper Verlag 2012, 16 €

Hans Bemmann erzählt in diesem Buch ein sehr umfangreiches Märchen, das sowohl für Kinder (ab ca. 6-8 Jahren), wie ganz besonders auch für Erwachsene geeignet ist. Kinder werden Vieles in diesem Buch freilich erst im Laufe der Jahre vollständig verstehen und einordnen können, aber trotzdem auch in jungen Jahren schon allerhand davon begreifen und fasziniert davon sein. Der „Stein“ im Buchtitel steht dabei für das Feste, das Unbewegliche sowie auch die „ehernen“ Naturgesetze, die Flöte hingegen für das Bewegliche, die Geschmeidigkeit, den fortwährenden Wandel beim konstanten Fließen der Zeit und damit nicht zuletzt auch für die Melodie und den Rhythmus des Lebens. Das Buch selbst beschreibt den oft so dramatischen Widerstreit dieser beiden für uns oftmals scheinbar so „unversöhnlichen Gegensätze“.

Es handelt sich dabei um ein sehr umfangreiches Buch voller Weisheit, das sich außerdem auch noch durch hohe Komplexität und sehr feine Beobachtungsgenauigkeit auszeichnet. Auch über gute Kunst, speziell auch was wirklich gute Musik ausmacht, kann man darin viel lernen (Bemmann war selbst auch Musikwissenschaftler und dazu ein Musikkenner, der dies auch mit wirklichem Sachverstand zu beurteilen wusste).

Bemmann hat darüberhinaus auch noch einige andere sehr gute Bücher geschrieben, so z. B.: „Die beschädigte Göttin“ – „Massimo Battisti“ – „Die Gärten der Löwin“ und weitere.

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Sebastian Jung
Gewerkschaftssekretär der GEW im Organisationsbereich Schule (Nordbayern)

Meine Buchempfehlung: Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Apokryphen. Ullstein Taschenbuch 20183, 9 €

Die Känguru-Apokryphen sind der inoffizielle 4. Teil der sog. Känguru Chroniken. Das Buch enthält viele neue Geschichten vom Känguru und seinem Kleinkünstler. Es ist lustig, kritisch und hochpolitisch! Teilweise richtig zum Lachen, stellenweise zum Nachdenken und durchweg kritisch.

Besonders erstaunlich ist die Tatsache, wie politisch Kängurus sein können. Die einzelnen Kapitel des Buchs bestehen aus aufeinanderfolgenden, fast zusammenhanglosen, kurzen Episoden aus dem Leben der beiden Protagonist*innen bzw. ihres Zusammenlebens. Für alle Marc-Uwe Kling Fans ein echtes Muss. Für alle “Lesefaulen” auch als Hörbuch erhältlich und lesbar ohne die Känguru-Chroniken zu kennen.

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Brigitte Pick

Mein Lesetipp:

Fabian Scheidler: Das Ende der Mega Maschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Pro Media Verlag, Wien 2016, 19,90 €

Der Autor ist ein überaus vielfältiger Mensch, der nach seinem Studium der Geschichte und Philosophie und der Theaterregie u.a. viel für Attac oder Greenpeace gearbeitet hat oder Dramaturg am Grips Theater in Berlin war.

Sein 2015 erschienenes Buch beschäftigt sich mit der radikalen Ausbeutung von Mensch und Natur und geht auf die historischen Wurzeln zurück, bleibt nicht an der Oberfläche kleben. Es ist kenntnisreich, hat ein hilfreiches Register zum Nachschlagen und erweitert den Horizont.

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Hasso Rosenthal

Mein Buchtipp ist ziemlich unweihnachtlich. Nur, das Buch liegt hier und ich schaue immer wieder mit Gewinn rein. Ich hatte es von einem Besuch in der
Gedenkstätte mitgebracht:

Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Hrsg.), Band 13, Widerstand von Jugendlichen
Hier ist der Link zum Buch: https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/themen/13-widerstand-von-jugendlichen/
Hier kann das Buch bestellt werden: https://www.gdw-berlin.de/angebote/publikationen/bestellschein/

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme der Nazis 1933 soll die „Hitler-Jugend“ die einzige Jugendorganisation in Deutschland werden. Fast alle Jugendverbände werden in kurzer Zeit verboten, zur Selbstauflösung gezwungen oder der „Hitler-Jugend“ angegliedert. Nicht alle Jugendlichen und Jugendverbände akzeptieren diese totale Vereinnahmung durch die Nazis.

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Johannes Schillo

Meine Buchempfehlung für Weihnachten oder danach: ein 3bändiger Comicroman über die letzten Jahre der Weimarer Republik

Jason Lutes: Berlin. Graphic Novel in drei Bänden: 1. Steinerne Stadt, 2. Bleierne Stadt, 3. Flirrende Stadt. Deutsche Übersetzung bei Carlsen, Hamburg 2003-2018, je 14,00 Euro.

Lutes dokumentiert und stilisiert auf äußerst sachkundige, hochdepressive und höchst künstlerische Weise das Ende der Weimarer Republik bis zum Januar 1933. Dabei kommen sie alle vor: Horst Wessel & Kurt Tucholsky, Babylon Berlin & kämpfende Arbeiter, Synagoge & Jazzkneipe, Herrenrasse & Bodensatz und zwischendrin natürlich immer wieder der „legendäre kleine Mann, der stets verlor und nie gewann…“

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Günther Schmidt-Falck
Redaktion Auswege

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft. oekom verlag 2017, 22 €

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer beschreibt in diesem Buch, wie der psychische und physische Raubbau an unseren Ressourcen in unserer Gesellschaft vor sich geht. Der Leistungsdruck, der fast schon wahnhafte Konsum, ein betäubender Medienkonsum, das Taumeln von einem Event zum anderen, Konkurrenzängst, Anpassungen u.a.mehr machen uns fertig. Sie treiben uns in Entfremdung, Süchte, Depressionen und psychische Abwehrkämpfe. Schmidbauer entwirft auch Gegenmodelle, Strategien zum Überleben, ohne Schuldvorwürfe und Besserwisserei. 

Mich hat das Buch sehr betroffen gemacht. Wenn der Wahnsinn dieser Gesellschaft und unseres Zusammenlebens sich vor einem auf knapp 250 Seiten ausbreitet, dann kann einem schnell die Luft wegbleiben. Schmidbauer schreibt sehr klar und alltagsbezogen, mit vielen Beispielen. Er drückt sich um Wahrheiten nicht herum, bringt eigene Erfahrungen ein. Das Buch liest sich eigentlich wie ein Roman. Ich bin froh, dass es mir über den Weg gelaufen ist.

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Georg Schuster

Karl Marx las Charles Dickens, das Umgekehrte ist nicht bekannt. Ein Verweis auf Oliver Twist findet sich sogar im Band 1 von “Das Kapital”. Neben Dickens empfahl Marx auch die Bücher von Thackeray und den Brontë-Schwestern, die mehr soziale Wahrheit mitteilen würden als die professionellen Politiker und Moralisten. Damit wären schon ein paar Lektüreempfehlungen zusammen.

Ich will aber besagten ersten Band vorschlagen, und zwar in der neuen Textausgabe, die Thomas Kuczynski, letzter Chef für Wirtschaftsgeschichte der DDR-Akademie der Wissenschaften, letztes Jahr beim VSA-Verlag herausgebracht hat. Es ist, kurz gesagt, die Version, die den stets selbstkritischen Vorstellungen von Marx über eine ‚Endfassung‘ seines Hauptwerks am nächsten kommt. In die originale Orthographie von 1872 liest man sich ein, Fußnoten und weitere Anmerkungen sind lesefreundlich in den Textfluss integriert, eine digitale Version liegt bei, auch der Preis ist entgegenkommend.

Thomas Kuczynski: Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. VSA-Verlag 2017, 19,80 €

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Bernd Ufholz

Lion Feuchtwanger: Erfolg. Aufbau Verlag 200811, 16 €

Der Untertitel lautet “Drei Jahre Geschichte einer Provinz”. Der Roman entstand in den Jahren 1927–1930 und erschien 1930. Zusammen mit den Romanen „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“ gehört er zu Feuchtwangers „Wartesaal-Trilogie“.

Der Roman ist der erste Teil einer Trilogie, ein Sittengemälde des Landes Bayern und seiner Hauptstadt vor dem Hintergrund des Erstarkens des Nationalsozialismus in Deutschland. Er spielt in München, als Hitler noch ein unbedeutender Kunstmaler ist, der im Roman Rupert Kutzner heißt. Für Münchner ein absolutes Muss, er gewährt einen Einblick hinter die Kulissen von Justiz, Politik, Großkapital und Intrigen in der Landeshauptstadt, und wir erleben Münchner Originale wie Bertold Brecht, der im Roman Kaspar Pröckl heißt, den Komiker Karl Valentin als Baltasar Hierl und viele weitere damals bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

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Günther Weis
Betriebsratsvorsitzender, bfz Westmittelfranken in Ansbach

Mein Lesetipp: Colm Tóibín: Brooklyn. dtv Verlag 2016, 9,90 €

Die junge Eilis reist 1950 mit einer billigen Schiffspassage, die ihr ein Geistlicher aus dem Heimatort in Südirland ermöglicht, nach New York. Sie findet durch weitere Empfehlung dieses Geistlichen Arbeit als Verkäuferin in Brooklyn. Sie arbeitet sich ruhig und beharrlich vorwärts, legt eine Prüfung zur Buchhalterin ab. Mit dem Italiener Tony tritt in ihre bescheidene, aber selbst geschaffene Existenz, auch Liebesglück ein. Die Nachricht von einem tragischen Ereignis in ihrer Familie lässt sie zu Besuch in die Heimat reisen.

Dort trifft sie einen Jugendfreund wieder und mit ihm eine Eheperspektive in der alten Heimat. Eilis muss sich entscheiden. Dieser Entscheidungsprozess in Colm Toibins präziser, ruhig fließender Prosa berührt, bewegt, ließ mich mitfiebern. Er ist der Höhepunkt der Erzählung.

Sie entscheidet sich für ihre selbst geschaffene Existenz aus Lohnarbeit in Brooklyn. Ein moderner Mensch ist geboren.

 


Foto: ulleo, pixabay.com, Lizenz: CC0

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